Hitze-Debakel und Unwetter bringen Bahn ins Schwitzen
Die Folgen der Hitzewelle haben der Deutschen Bahn auch am Montag zugesetzt. Wegen des Ausfalls von Klimaanlagen am Wochenende üben Politiker und Betroffene heftige Kritik. Zusätzliche Probleme bereiteten am Montagnachmittag Unwetter, die den Bahnverkehr in weiten Teilen Nordrhein Westfalens fast vollständig zum Erliegen brachten.
dne/HB BERLIN. Von "massiven Störungen" sprach ein Bahnsprecher in Düsseldorf. Schwerpunkte seien Aachen, Köln, Düsseldorf, Duisburg und Essen. Unter anderem seien die Hauptstrecken Köln-Düsseldorf und Köln-Aachen sowie die Verbindung Oberhausen-Altenessen-Gelsenkirchen betroffen. Da es sich dabei um die Hauptachsen in Nordrhein-Westfalen handele, müsse im ganzen Land im Fern- und Nahverkehr sowie bei der S-Bahn mit Verspätungen oder Ausfällen gerechnet werden. Auch auf den Fernverkehrsstrecken kam es zu zahlreichen Zugausfällen und Verspätungen.
Auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof standen die Reisenden am Nachmittag in dichten Trauben auf den Bahnsteigen und warteten auf Züge. Andere hatten sich auf Treppen gesetzt. „Zur Dauer der Störungen können wir noch keine Angaben machen“, teilte die Bahn mit. Die Störungen dauerten am Montagnachmittag an. Sturmtief „Norina“ war mit teils orkanartigen Sturmböen über Nordrhein-Westfalen hinweggefegt.
Bereits seit dem Wochenende hat die Bahn infolge der Wetterbedingungen mit Negativschlagzeilen zu kämpfen. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) telefonierte am Montag mit Bahnchef Rüdiger Grube wegen des Hitze-Debakels vom Wochenende. Der Minister will die Pannen außerdem zum Thema der nächsten Aufsichtsratssitzung machen. "Ich erwarte von der Deutschen Bahn, dass die Züge bei minus 40 Grad genauso zuverlässig fahren wie bei plus 40 Grad", verlangte Ramsauer. Bei allem Ärger dürften die Mängel aber nicht zu einer nationalen Tragödie gemacht werden.
Verbraucherministerin Ilse Aigner forderte eine schnelle Überprüfung aller Züge. Der Ausfall der Klimaanlage in einem ICE sei offenbar kein Einzelfall, sagte die CSU-Politikerin der "Bild"-Zeitung. Sämtliche Züge müssten umgehend auf ihre Funktionsbereitschaft überprüft werden. Es sei ein ernster Vorgang, wenn Fahrgäste gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten.
Der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Patrick Döring, der Mitglied im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn ist, forderte eine "lückenlose Überprüfung" der Wartungshistorie der betroffenen Züge. "Es kann nicht sein, dass der mitteleuropäische Winter zu kalt für die Bahn war und der mitteleuropäische Sommer zu heiß ist", sagte er der "Rheinischen Post". Der alte Werbespruch der Bundesbahn "Alle reden vom Wetter - wir nicht" würde heute nur Hohn und Spott provozieren.
Die SPD äußerte deutliche Zweifel am Notfallmanagement der Bahn. „Es darf hier nicht an der falschen Stelle gespart werden“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Florian Pronold, Handelsblatt Online. „Notsituationen erfordern ein zuverlässiges Notfallmanagement, das über die Verteilung von eisgekühlten Handtüchern deutlich hinausgehen muss.“
Pronold warf der Bahn vor, wider besseren Wissens schlecht gewartete Züge einzusetzen. So hätten die vergangenen Monate gezeigt, dass die Instandhaltung der ICE-Züge durch die Bahn „beträchtliche Defizite“ aufweise. „Eine verlässliche Fahrzeuginstandhaltung muss nicht nur wetterunabhängig gewährleistet sein, sondern auch im obersten Interesse der Bahn liegen“, sagte der SPD-Politiker und fügte hinzu: „Hierzu bedarf es eines echten Qualitätsmanagements, denn nur so lassen sich Situationen wie sie sich am Wochenende ereignet haben in Zukunft verhindern.“
Warum die Klimaanlagen versagten, ist nach Angaben der Deutschen Bahn noch zu ermitteln. Für Kritiker jedoch steht die Ursache schon jetzt fest: Mangelhafte Wartung der Filter in den Klimaanlagen. Die modernen Geräte seien in der Lage, feinen Staub und Bakterien aus der Luft herauszufiltern, heißt es. Aber die feinporigen Filter würden eben auch schneller verstopfen, hat der Grünen-Politiker Toni Hofreiter von Bahnexperten erfahren.
Die Bahn habe "Sofortmaßnahmen bei der Wartung" eingeleitet, wie Unternehmenssprecher Jürgen Kornmann am Montag sagte. Die Beschäftigten in den Werkstätten seien aufgefordert worden, besonderes Augenmerk auf die Klimaanlagen zu legen. Die Mitarbeiter an Bord der Züge seien angewiesen, Fahrgäste in andere Waggons zu bringen und mit Getränken zu versorgen.
Im schlimmsten Fall müsse der Zug gestoppt werden. Zugleich wies Kornmann Vorwürfe zurück, nach denen die Bahn an der Wartung der Klimaanlagen spart. "Alle Züge werden, bevor sie morgens rausfahren, täglich überprüft." Die Abstände der Wartung seien vorgeschrieben.
Die Bundespolizei ermittelt unterdessen gegen die Bahn wegen Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und der unterlassenen Hilfeleistung. Untersucht werden soll, ob es nicht möglich gewesen wäre, angesichts von Temperaturen bis zu 50 Grad im Zuginneren eher Abhilfe zu schaffen. Eingeschaltet sind auch die Staatsanwaltschaft Bielefeld und das Eisenbahnbundesamt, das die Technik und betrieblichen Abläufe untersucht.
Am Wochenende mussten unter anderem mehrere Schüler auf Klassenreise in Bielefeld von Sanitätern aus dem Zug geholt und in Krankenhäusern versorgt werden. Eine Remscheider Schule verlangt nun Schadensersatz, wie sie im "Westfalen-Blatt" ankündigte. Auch andere Reisende berichteten von weiteren Ausfällen von Klimaanlagen und überhitzten sowie überfüllten Zügen am Wochenende.
Die Bahn erklärte, weder am Sonntag noch bis zum Montagvormittag habe es vergleichbare Vorfälle wie das Komplettversagen der Klimaanlage gegeben. Einzelne Ausfälle in Waggons seien aber gemeldet worden. Passagiere würden dann an andere Plätze umgesetzt. Das Personal sei angewiesen worden, die Funktionsfähigkeit der Klimaanlagen vor Reisebeginn noch einmal gezielt zu prüfen.
Nach Augenzeugenberichten fiel am Montag in mehreren Wagen eines IC von Berlin nach Amsterdam die Klimaanlage aus. Nachdem der Zug mehrmals die Fahrt unterbrechen musste, sei er in Hannover komplett gestoppt worden. "In einigen Wagen herrschten Temperaturen von über 40 Grad", sagte eine Reisende. Von den Ausfällen vom Wochenende sind laut Bahn sowohl Züge der Serien ICE-1 als auch ICE-2 betroffen. Der neueste ICE-3 hatte bei ihrer Einführung erhebliche Probleme mit den Klimaanlagen. Sie wurden daraufhin komplett ausgetauscht.
Die älteren ICE-2-Züge will die Bahn demnächst für 100 Mio. Euro überholen lassen. Die Nachfolge-Generation auch für die IC-Züge soll ab 2015 in Betrieb gehen. Die Bahn hatte im Vorfeld des geplanten Börsengangs nicht mehr in neue Züge investiert. Die dadurch fehlenden Abschreibungen halfen der Fernverkehrssparte in die Gewinnzone.
Quelle: Handelsblatt.com